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Suffgeschichten: Ausgesprochenes Unverständnis

13.05.2022 - 14:24 von Redaktion



Die nächste kulturelle Errungenschaft von Kultur ohne Talent ist vollendet. Es ist eine Geschichtensammlung namens "Ausgesprochenes Unverständnis". Der Autor heißt Sebastian "Schnitzel" Aumann und lebt in Karlsruhe. Das Buch könnt ihr hier herunterladen oder es direkt beim Autor per Mail an aumann.sebastian@gmail.com bestellen. Damit wir nicht wieder den gleichen Sermon wie immer schreiben, haben wir ihn sich von einem Interviewpartner seiner Wahl befragen lassen.

Hier das Interview, das in Karlsruhe am 2. Mai, dem Tag der Arbeitslosen, gemacht wurde:

HIRO: Du hast ein Buch geschrieben, das wird jetzt veröffentlicht ...

SCHNITZEL: Ja so mehr oder minder, also durch mich selbst und Kultur ohne Talent in Hamburg.

HIRO: Worum geht es?

SCHNITZEL: Es ist hauptsächlich eine lose Zusammenfassung von Gedichten und Kurzgeschichten, die ein wenig meinen Alltag beschreiben, und meine Sicht auf die Dinge, die mich umgeben, was dir wahrscheinlich jeder andere Wichser auch sagen würde

HIRO: Das klingt jetzt erst mal, joah ... Ob ich das lesen würde, hinge natürlich sehr davon ab, ob ich den Alltag der Personen kennen würde, die mir ihr Buch über ihren Alltag und ihre Umgebung geschrieben hat.

SCHNITZEL: Ich macht halt, was die anderen auch so machen. Man macht nen räudigen Job, schaut, dass man genug Zeit und Geld hat, um abends noch in die Kneipe zu können. Da schreibe ich vor mich hin, über Menschen, die in der Kneipe sitzen, darüber, wie schlecht man von seinen Chefs behandelt wird, zwischenmenschliches, die Absurdität des Alltag, den großen Riss in der Wirklichkeit, Sauftouren, Drogen, Eskapismus.

HIRO: Das sind die Grundpfeiler der Literatur, die mich auch persönlich faszinieren. Ansonsten bist du auch in einer Gitarren-Kapelle, habe ich gehört.

SCHNITZEL: Jau, ich spiele auch in ner Band. Das wird natürlich auch tangiert durch die Texte, liegt allerdings jetzt nicht der Hauptfokus darauf.

HIRO: Schreibst du unter dem Pseudonym, unter dem ich dich kenne oder?

SCHNITZEL: Nein, ich schreibe unter meinem bürgerlichen Namen, damit mich auch jeder Shitstorm gut finden kann.

HIRO: Das ist wichtig! Also ist das erklärte Ziel auch, definitiv möglichst schnell gecancelt zu werden.

SCHNITZEL: Das ist jetzt kein Ziel, aber ...

HIRO: ... aber wir sind uns einig, dass es passieren wird.

SCHNITZEL: Was ich nicht weiß gar nicht, ob es genug Leute lesen werden ist, dass es genug Aufmerksamkeit bekommt für nen Shitstorm.

HIRO: Es gab ja bereits den Versuch, dich und deine Band unter dem alten Namen zu canceln.

SCHNITZEL: Joah, ich seh das nicht so als einen Cancelversuch. Ich würde es als mehr sprachphilosophische Unstimmigkeiten bezeichnen.

HIRO: Dem würde ich zustimmen. Nichtsdestotrotz hat's mich tierisch amüsiert. Wie kommt's eigentlich zu Schnitzel?

SCHNITZEL: Das stammt letztendlich von meiner Oma beziehungsweise meinem Cousin. Wir hatten mal einen Tag, an dem ich sehr viel Hunger hatte, als wir in der City-Galerie, so quasi das Äquivalent in Augsburg zum Karlsruher ECE-Center, unterwegs waren mit der ganzen Familie, und wir wussten alle, es gibt bei der Oma Schnitzel zu Mittag. Trotzdem hat sich da jeder was zu essen geholt und ich eben nicht, weil ich wusste, dass es Schnitzel von der Oma gibt. Ich hab dann vier Schnitzel in zehn Minuten gegessen, wobei ich das erst in der Mitte zerriss und die weiteren Schnitzel auch nicht besonders zivilisierter verdrückt hab. Mein Cousin hatte noch nie jemand so schlingen sehen und hat mich dann als den Arnold Schnitzelmäher bezeichnet was ich verkürzt auf Schnitzel über die nächsten Monate.

HIRO: Klingt nachvollziehbar und ist auf jeden Fall ein prägnanter Spitzname. Wie sieht dein Schreibprozess aus? Du hast schon von Kneipen erwähnt? Welche Rolle spielt Alkohol?

SCHNITZEL: Alkohol? Ist ein freundlicher Wegbegleiter auf den Prozess des Schreibens. Er löst einem bisschen die Zunge. Löst in einem gewissen Maße auch die Selbstzweifel oder generelle Zweifel, die einen an der korrekte Übertragung dessen, was man denkt, hindern können. Meistens trinke ich ein Bier vor mich hin starrend, und ab dem zweiten, dritten fängt es an zu laufen.

HIRO: Was sind deine Karlsruhe Lieblingskneipen?

SCHNITZEL: Zunächst muss ich das Milano nennen. Da entstehen die meisten meiner Texte, Es ist auch hier direkt um die Ecke, man kennt das Bar-Personal inzwischen beim Namen und umgekehrt. Das Intro nimmt mich immer sehr herzlich auf, wenn es jetzt mehr Café als eine Bar ist. Uhhm ... Jesses. Ich komme gar nicht mehr so viel durch die Gegend ... Das P8 ist ein wunderbarer Laden für Live-Musik. Die Hackerei, da habe ich auch schon gelesen, ist auch ein sehr feiner Laden mit sehr feinen Leuten. Der liebe Herr Interviewer arbeitet selbst in der Hacke als Türsteher. Uhhh ... Sicher vergesse ich jetzt gerade etwas furchtbar wichtiges hier.

HIRO: Was machst du so lohnarbeitsmäßig?

SCHNITZEL: Lohnarbeitsmäßig steh ich drei Tage die Woche, schwitzend und mit Schmerzen im Rücken in einem großen Lkw-Container und schmeiße Pakete rum. Für gutes Geld, aber einen kaputten Rücken.

HIRO: Da arbeitest du auch mit deinem Band Kollegen und Mitbewohner zusammen, habe ich vernommen.

SCHNITZEL: Korrekt, wir sind schon fast wie ein altes Ehepaar.

HIRO: Das ist mir auch schon aufgefallen.

SCHNITZEL: Man hat Leidensgenossen. Es ist immer so das Schlimmste, wenn der andere daheim bleibt, weil er krank ist und du musst dich dann alleine dahin schleppen. Das nächste Buch sollte wahrscheinlich, wenn ich dazu komme, ein Roman werden, über die Arbeit der UPS. Mal wieder ganz der Bukowski ...

HIRO: Ein ganzer Roman über Pakete schmeißen?

SCHNITZEL: Und die damit verbundenen Umstände, da würde ich dann wahrscheinlich auch bisschen Band Geschichten behandeln, im Sinne von "Warum ich das überhaupt schaff" und wohin das alles führen könnte.

HIRO: Dadurch, dass du ja in einer festen Beziehungen bist: Kein Love-Interest? Keine Affäre beim Paket schmeißen? Man wirft sich Pakete aus Versehen an den Kopf, schaut sich tief in die Augen und macht Liebe im UPS-Container?

SCHNITZEL: Ich habe einen Arbeitskollegen, der heißt auch wie ich Sebastian, und manchmal haben wir schon eine gewisse Spannung, wenn wir uns gegenseitig Witze erzählen, da knistert's schon ein bisschen.

HIRO: Aber es soll nicht sein?

SCHNITZEL: Ich glaube wir sind beide zu viel, um zusammen zu sein. Wir sind beide sehr starke Individuen, auf Dauer würden wir uns nicht gut tun.

HIRO: Es ist es ist aber gut, dass du da so reflektiert bist.

HIRO: Wie sieht´s mit Filmen aus?

SCHNITZEL: Filme üben einen starken Einfluss für mich aus, zumindest verbringe ich fast meine meiste Zeit damit, neben dem Schreiben und musizieren. Ich bin ja auch am Theater aufgewachsen, deshalb hab ich schon nen gewissen Hang zum Schauspiel mitbekommen. Beim Theater bin ich sehr anspruchsvoll, da regen mich die kleinsten Sachen auf. Film hat mich dann doch mehr angezogen. Ich hab allerdings immer relativ wenig gekannt, weil ich den Zugang nicht gefunden hab. Wenn ich mal was aufgeschnappt hab, dass gut sein sollte, wusste ich nicht, wo ich es herkriegen soll. Ich bin nicht sehr integriert in die Technolandschaft aufgewachsen, meine Mutter hat große Angst vor Technik und ich glaube, da habe ich auch einiges mitbekommen. Die Anfangs-Texte im Buch sind alle auf der Schreibmaschine entstanden. Computer, Internet das lenkt nur ab!

HIRO: Gut, ich appreciate das insofern, als dass das dann eine authentische Technik-Phobie ist und nicht so Hipsterige Regression, "Uhh, ich benutz ne Schreibmaschine, weil ich cooler bin als du!"

SCHNITZEL: Ne, ich hatte nur das Glück, dass die Schreibmaschine kein Internet hat, das mich mit meiner sehr sprunghaften Aufmerksamkeit hätte ablenken könnte. Das Schöne bei der Schreibmaschine war auch dieses auditive Feedback. Da hat man das Gefühl, als würde man was in Stein meißeln.

SCHNITZEL: Inzwischen bin ich auch wieder zurück beim Handschriftlichen. Bei Gedichten geht das. Prosa schreibe ich jetzt nicht handschriftlich, das wäre doch dann zu viel Act. Meistens komme ich halte, am nächsten Morgen nach Hause und hab irgendwie 3-5 DIN-A4-Seiten mit unzusammenhängenden Zeug in der Tasche und dann sage ich "Hey, irgendjemand muss das lesen!", weil ich's nicht entziffern kann.

HIRO: Das ist natürlich schwierig. Wenn wir schon mal künstlerischen Inspirationen sind, wir haben wir Bukowski vor uns liegen ...

SCHNITZEL: und Anaïs Nin, das du mir da mitgebracht hast. Willst du jetzt auf literarische Einflüsse hinaus?

HIRO: Gut, wir können auch über deinen Lieblingsdöner reden.

SCHNITZEL: Habe ich gar keinen, Ich weiß nur das Meydan zu teuer geworden ist. Das war aber Scheiß Inflation unbedingt was dafür. Ja, was sind meine literarische Einflüsse? Philippe Djian, Hunter S. Thompson, Friedrich Nietzsche, John Irving, Orwell. Im Moment lese ich die Witcher-Reihe von Andrzej Sapkowski. Sehr spät ich weiß, aber ich komme noch dazu, hauptsächlich, weil ich mich ein bisschen über die Serie aufgeregt hab und dann wissen wollte, was in den Büchern abgeht. Und jetzt muss ich immer mehr einsehen, dass die Serie sich doch relativ genau an den Büchern orientiert und dass ich wohl ein ahnungsloser Schmock bin. Aber es ist ja schneller geschrien, als dass man sich vorher Gedanken macht.

Und, ja, nicht zu leugnen ist, dass Bukowski einer meiner größten Einflüsse ist. Fiktiv gesehen gibt's noch Hank Moody. Ja, was haben wir denn noch so schönes? Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Untergrund fand ich tief, beeindruckend, weil ich die ganze Zeit Nietzsche für dieses unglaubliche Phänomen gehalten hab und dann gemerkt hab, dass der Dostojewski, dasselbe auch in einem ziemlich ähnlichen Wortlaut geschrieben hat. Mein Lieblingsautor ist Sebastian Aumann, ein ziemlich unbekannter Dude aus Karlsruhe. Ich bin auch mit dem so ein bisschen im Streit und befreundet, ist so ne Hassliebe.

HIRO: Aha, was ist das für einer?

SCHNITZEL: Ziemlich ekelhafter, ungewaschener Typ, ständig am Bier saufen mit der Kippe im Maul. Er kommt teils in dieselben Kneipen, in denen ich auch so rumhänge. Er sagt dann auch nicht viel, setzt sich einfach nur ins Eck und kritzelt vor sich hin.

HIRO: Okay, es ist wie so oft im Leben, dass die Spiegelung wehtut?

SCHNITZEL: Wenn wir was in den letzten vielen Jahren aufgefallen ist, dann dass sich Menschen am häufigsten und am intensivsten über Dinge aufregen, die sie an sich selbst stören. Es ist eine ganz andere Geschichte, wenn man die eigenen Zweifel in anderen Personen bestätigt sieht. Ich versuche mich sehr subtil über meinen Alkoholkonsum zu definieren. Menschen, die das sehr offensiv machen, gehen mir hart auf den Sack. Ich steck da viel Mühe rein, das subtil anklingen zu lassen und nicht mit der Tür ins Haus zu fallen.

HIRO: Wie sieht das so aus? Ein subtiler wink auf den Alkoholkonsum?

SCHNITZEL: Ganz unterschiedlich, muss der Situation angepasst sein, es kein gibt dafür kein Patentrezept. Man muss es durch Halbsätze einfließen lassen. Mehr als zu sagen: "Urgh! Ich hab geschtern scho wida 20 Bier gsoffen. Bin ich nicht cool?!" Nein, du hast ein Alkoholproblem, ich auch, aber ich trinke halt und rede nicht groß drüber. Da fällt mir noch eine Schnittstelle zu einem anderen Medium ein, was mich inspiriert: Der deutsche Hip-Hop.

HIRO: Aha! Ich hab dich schon rappen gehört.

SCHNITZEL: Ja, manchmal mach ich solche ... Sachen. Gerade so Prezident muss ich an dieser Stelle erwähnen, denn ohne Prezident würde ich Bukowski nicht kennten und weil du Oidorno gesagt hast, fällt mir Destroy Degenhardt (Vanadalismus) ein, den ich auch wegen Prezident kenne. NMZS, über den Ich Prezident kenne. Das ist generell für mich mehr so: ich habe nicht viel Ahnung, aber manchmal finde ich Künstler, die irgendwas in mir räsonieren lassen, und die bringen dann wieder Querverweise auf andere Künstler. John Fante, kenne ich von Bukowski. Geiler Style, guter Autor.

HIRO: Also würde ich vermuten, bei Rap eher ein Fokus auf Inhalte.

SCHNITZEL: Ja, also ich mag das immer sehr gerne, wenn Menschen von ihren eigenen Verfehlungen und ihren Ängsten anderen in einer offensiv aggressiven Weise mitteilen.

HIRO: Offensiv aggressiv vorgetragene Ängste. Heißt das, du schreibst auch die Texte bei eurer Gitarrenmusik-Band?

SCHNITZEL: Zum Teil. Wir haben zwei Sänger. Ich trage auch meinen Teil zu den Texten bei.

HIRO: Das stelle ich mir interessant vor. Kollaboratives Texten.

SCHNITZEL: Ja, kann eine Herausforderung sein aber meistens ist es dann so, das eine Person schon eine Idee hat und man dann die Idee aufgreift und damit arbeitet. Im Prinzip hat man einfach nur einen Rahmen, an dem man sich orientieren kann. Keine Ahnung, jetzt könntest du auch sagen: Wir schreiben einen Text über Milchzucker. Wenn halt eine Person angefangen hat, über Milchzucker zu schreiben, denk ich drüber nach: Was sind meine Verbindungen zu Milchzucker und wie fasse ich das auf? Man erhält Blickwinkel auf Themen, über die man vorher noch gar nicht nachgedacht hat.

HIRO: Ich wünsche dir bei deinen sportlichen Trinkambitionen, bei deinen literarischen Trinkambitionen und bei deinen musikalischen Trinkambitionen viel Glück, Erfolg und überlasse dir das Schlusswort.

SCHNITZEL: Kauft Bücher, ich bin arm!

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